Das Investment: Wie Blackrock die Risiken der Märkte bändigen will

sjb_werbung_das_investment_300_200 SJB | Korschenbroich, 19.09.2014. Blackrock ist der größte Vermögensverwalter der Welt. Möglich machte das aber nicht etwa nur das Fondsmanagement, sondern die Abneigung von Gründer und Chef Larry Fink gegen Risiken und geistigen Stillstand – und nicht zuletzt die Zuneigung zu effizienter Technologie.

Zwischen Kühlschrank und Kaffeemaschine steht das Startgerät für das größte Portfoliomanagementsystem der Welt. Es ist ein kleiner Computer von Sun Microsystems, 1988 vom jungen Tüftler Bennett Golub gekauft und in einem Einraum-Büro im New Yorker Stadtteil Manhattan aufgestellt. Was damals kein Besucher ahnt: Der Rechner steht in der Keimzelle des heute größten Vermögensverwalters der Welt, Blackrock. 1. Das Trauma:

Um die Bedeutung des genannten Computers für die Finanzwelt zu verstehen, muss man noch etwas weiter zurückgehen, in die Mitte des Jahrzehnts. Damals hat der noch nicht einmal 30 Jahre alte Investmentbanker Larry Fink eine Technik mit erfunden, mit der sich Hypothekenkredite bündeln und als Wertpapier in den Börsenhandel bringen lassen. Die hypothekenbesicherte Anleihe (Mortgage Backed Security) ist geboren. Von da an gilt Fink als Star der Branche.

Doch dann macht er einen Fehler. Im zweiten Quartal 1986 verliert seine Abteilung 100 Millionen Dollar. „Wir hatten nicht so viel Ahnung, wie wir dachten, dass wir hätten“, schreibt Fink rückblickend in einem Artikel und gesteht ein: „Wir haben nicht nur eine schlechte Wette auf die zukünftigen Zinsen abgeschlossen.

Wir haben auch die eigene Überheblichkeit unterschätzt, die uns glauben ließ, alles über den Markt zu wissen.“ Manchmal sind es solche traumatischen Erlebnisse, die das Leben in eine ganz andere Richtung lenken. In diesem Fall wird aus dem forschen Fink ein umsichtiger Investor, zwar nicht minder ehrgeizig, dafür aber voller Demut vor den Märkten.

Zwei Jahre später gründet er mit Kollegen die Vermögensverwaltung Blackrock. Nicht ohne vorher folgenden Grundsatz verinnerlicht zu haben: „Wenn wir ein Portfolio managen, sagen wir niemals mehr ‚Wir wissen genau, wie es läuft‘. Denn man weiß einfach niemals genau, wie es läuft.“

Heute, nur 26 Jahre später, managt Blackrock 4,6 Billionen Dollar direkt, für weitere rund 14 Billionen Dollar stellt es die Managementsysteme. Wer zeitig dabei war, konnte mit der 1999 an die Börse gebrachten Blackrock-Aktie reich werden (siehe Chart).

Regierungen, Banken, Industrieunternehmen rufen Larry Fink an und fragen nach Rat. Während der Finanzkrise 2009 gilt er als heißer Kandidat, um eine Bailout Bank, eine Banken-Rettungsbank, zu leiten oder sogar Finanzminister zu werden. Ein von Blackrock entwickeltes Betriebssystem namens Aladdin ist zum Verkaufsschlager geworden. Die Welt will Portfolios managen können wie Blackrock. Die Welt bewundert Blackrock – und blickt gleichzeitig argwöhnisch auf seine Größe.

2. Die ersten Schritte

Als Grundlage für den Blitzaufstieg und Blackrocks besondere Eigenschaften gelten Finks damaliger Fehltritt und die Lehren daraus. Es ist eine Mischung aus Demut vor den Märkten, Abneigung gegen Risiken und dem Eingeständnis der eigenen Unvollkommenheit. Fink nennt sich und seine Mitarbeiter gern „Studenten der Märkte“.

Weggefährten bezeichnen ihn als jemanden, der ständig in Angst lebt, die Kontrolle zu verlieren. Man kann Finks Einstellung getrost auf das ganze Unternehmen übertragen. Blackrock ist ein Student der Märkte und des Risikos.

Eine treibende Kraft neben Larry Fink ist jener Bennett „Ben“ Golub, der anno 88 den Sun-Microsystems-Computer kaufte. Fink hatte den technisch versierten First-Boston-Kollegen extra dazugeholt, damit er seine Vision von Risikokontrolle umsetzt. Golub habe das Unternehmen daraufhin zur technologischen Übermacht gemacht, stellt das „Fortune Magazine“ 26 Jahre später beinahe ehrfürchtig fest.

Von Beginn an erstellte Blackrock von allen Portfolios täglich Risikoberichte, was für ein Unternehmen dieser Art eher ungewöhnlich war. Risikoanalysten lieferten die auf grünem Papier gedruckten Auswertungen an die Portfoliomanager.

Offenbar weckte Blackrock damit einen Bedarf im Markt, denn schon bald fragten Kunden nach ebensolchen Risikoberichten. Seit 1994 gibt es folgerichtig den kostenpflichtigen Service „The Green Package“. Heute verkauft Blackrock in jedem Monat 54 Millionen grüne Pakete an seine Kunden.

Was Blackrock außerdem einige Ehre einbrachte, war die Kunst, selbst komplizierte Anleihen zu verstehen. Papiere, die mit Tausenden von Krediten unterlegt waren, konnten die Blackrock-Manager zerlegen und auf ihre Substanz prüfen. 1994 etablierte sich Blackrock auf einen Schlag als Spezialist für die besonders kniffligen Fälle.

Die Tochterbank Kidder Peabody von Technik-Gigant General Electric hatte jahrelang ihre Gewinne geschönt und stand nun vor dem Ruin. Blackrock sollte das äußerst vertrackte, 7 Milliarden Dollar schwere Anleiheportfolio prüfen. „Das war ein echter Test, ob unser System wirklich funktioniert“, sagte Blackrock-Mitgründer Robert Kapito einmal darüber. Und Blackrock bestand den Test. Von da an ging es rasant bergauf.

3. Ganz feine Technik

Ben Golub hatte schon in den 90ern ein eigenes Betriebssystem entwickeln lassen, mit dem man Portfolios managen und Märkte analysieren konnte. Eines Tages fragte wieder ein Kunde, ob er das bei sich im Büro auch haben könne. Er bekam es und nannte das System „Asset Liability and Debt and Derivative Investment Network“ – Aladdin.

Das Institut fürs Risikomanagement schuf Golub im Jahr 2000, indem er Blackrock Solutions (BRS) gründete. BRS wurde zum technischen Zentrum, zur Denkfabrik von Blackrock. „Blackrock Solutions ist mit seinem Fokus auf Analysen und Risiken das Rückgrat von Blackrock“, so Analyst Robert Lee von Keefe, Bruyette and Woods.

Wer Blackrock verstehen wolle, müsse Blackrock Solutions verstehen. Und eine Wortgruppe, die ständig von vielen Seiten im Zusammenhang mit BRS fällt, ist „State of the Art“ – zu Deutsch etwa: das Neueste vom Neuen.

Heute ist Ben Golub Risikochef im Konzern. Die Leitung von BRS übergab er vor fünf Jahren an den mit 40 Jahren deutlich jüngeren Robert Goldstein. Goldstein kam mit 20 Jahren direkt von der Uni zu Blackrock. „Fortune“ beschreibt ihn als „typischen Blackrock-Typen: ein bisschen nerdig, sonderbar und zweifellos ambitioniert“. Jemand, der sichtlich aufgeregt ist, wenn er über große Datenmengen spricht.

Bis 2004 hatte Goldstein noch nicht einmal einen Reisepass. Heute hat er eine Schublade voll Zutrittskarten für diverse Bürohäuser rund um die Welt. Rund 60 zahlende Kunden nutzen Aladdin, die Einnahmen belaufen sich im zweiten Quartal 2014 auf 109 Millionen Dollar. Das sind 4 Prozent von Blackrocks Gesamterträgen. Die Rechenarbeit erledigen inzwischen gut 6.000 Großrechner.

Aladdins wichtigster Vorteil ist seine Komplexität. „Sie können jede einzelne Anwendung auch als andere Software bei einem Händler kaufen“, so Direktor Thomas Fortin gegenüber dem Karrieremagazin „The Gateway“. „Aber das komplette Paket bekommen Sie nur bei uns.“ Von 30 bis 40 Anwendungen spricht Fortin, jede mit derselben Aufmachung und derselben Art zu bedienen. Es ist ein lebendiges System, das Blackrock ständig weiterentwickelt.

Der bisher größte Neukunde für Aladdin ist die Deutsche Asset & Wealth Management. Die Investmenttochter der Deutschen Bank begann im vergangenen Jahr damit, ihre Systeme umzustellen, Ende 2015 soll alles reibungslos laufen. „Aladdin liefert Daten, Berichte, Analysen, Risikoberechnungen und viele andere Leistungen, und alles von höchster Qualität“, sagt Niral Kalaria, der das Projekt leitet.

Kalaria mag die Lebendigkeit des Systems. Nutzer könnten jederzeit Ideen und Anregungen abgeben, die Blackrock aufgreife und meist umsetze. Die Ergebnisse kämen über Upgrades am Ende allen Nutzern zugute: „Hier bleibt man nicht zurück.

Es gibt nur ein Aladdin für alle.“ Dass das System die vielen Nutzer und damit auch die Märkte, wie von manchen Kritikern gefürchtet, gedanklich gleichschalten könnte, diese Gefahr sieht Kalaria nicht. „Aladdin ist nur der Rahmen. Aktien, Anleihen oder Anlageklassen muss man natürlich noch immer selbst auswählen“, erklärt er.

Ein ähnliches Bild zeigt eine Umfrage, die der „Economist“ unter sechs Aladdin-Nutzern durchführte. Alle gaben an, dass das System ihre eigene Risikoanalyse zwar ergänze, aber nicht ersetze. „Unsere Mitarbeiter schauen sicherlich auch auf Blackrocks Analysen, wenn sie Entscheidungen treffen. Das heißt aber nicht, dass sie uns in eine bestimmte Richtung führen“, so ein anonymer Firmenchef gegenüber der Zeitung.

Neuester Coup der Blackrocker: Über eine Zusammenarbeit mit dem Marketmaker Tradeweb entstand auf Aladdin eine Handelsplattform für Anleihen und Derivate. Damit können Nutzer bald Börsen und Banken umschiffen und mit anderen Aladdin-Kunden direkt handeln. Man wolle dadurch die Liquiditätslücke überbrücken, die der verringerte Eigenhandel der Banken reiße, heißt es von Blackrock.

Letzteres sei ein Resultat der gestrafften Eigenkapitalvorschriften.Einen enormen Machtzuwachs verzeichnete Blackrock dank seiner Datenkraft im Jahr 2008, als die Finanzkrise ausbrach. Plötzlich gab es überall hypothekenbesicherte Anleihen, von denen keiner mehr wusste, was sie eigentlich wert waren. Die Kredite im Hintergrund platzten reihenweise, die Kurse der Papiere rauschten in den Keller, der Markt trocknete aus.

Ausgerechnet die Investmentbank Bear Stearns, in deren Handelsetage 1988 das erste Blackrock-Büro gelegen hatte, ging als eine der Ersten pleite. Und offensichtlich hatte nur ein einziges Unternehmen die nötigen Mittel, um in diesem Chaos noch den Überblick zu behalten: Blackrock. Somit bekam Fink im März 2008 einen Anruf von J.P. Morgan, das Bear Stearns eventuell übernehmen wollte, dann aber zurückzog.

Später klingelte Notenbank-Chef Tim Geithner durch, der die Schrott-Hypothekenpapiere für 30 Milliarden Dollar letztendlich gekauft hatte. Einige weitere derartige Aufträge folgten. Larry Fink stand im Kurzwahlverzeichnis der Finanzszene.

4. Der Preis des Erfolgs

Doch Größe und Einfluss hinterlassen Spuren in der öffentlichen Wahrnehmung. So gilt Blackrock plötzlich als einer der größten Aktionäre der Welt. Nun ja, das bleibt nicht aus, wenn man so viel Geld managt. So ist zum Beispiel Blackrocks Dax-ETF mit 16,6 Milliarden Euro der größte börsennotierte Fonds Europas und muss alle Indextitel im Portfolio halten. Damit wird Blackrock zwangsläufig zum Aktionär von halb Deutschland.

Leider vergessen die Kritiker, dass es sich ausschließlich um Fonds handelt, und der Status als Vermögensverwalter verpflichtet dazu, die Stimmrechte im Sinn der Anleger auszuüben. Alles andere wäre ein Imageschaden sondergleichen. Fink selbst hat mit Stimmrechten gar nichts zu tun, sondern die 20-köpfige Abteilung um Leiterin Michelle Edkins. Sie legt Richtlinien fürs Unternehmen fest und übt Stimmrechte für die passiven Indexfonds aus. Dabei benimmt sie sich Medienberichten zufolge wie ein normaler, interessierter Investor – mit eigener Meinung, aber ohne Hang zu Krawall oder gar Revolution.

Ein weiterer Stressfaktor für Blackrock: Das Financial Stability Oversight Council, eine Art Behörde zum Schutz der Finanzmärkte, prüfte bis vor kurzem, ob es die größten Vermögensverwalter Amerikas als systemrelevant einstuft. Das hätte insbesondere Vanguard, State Street und Fidelity betroffen – und eben Blackrock.

Nur warum? Weil die Gesellschaft für andere Anleger 4,6 Billionen Dollar managt? Weil sie für weitere 60 Anleger Marktdaten und Risikoanalysen liefert? Blackrock handelt keine Wertpapiere auf eigene Rechnung. Und wenn man die – besicherten – Wertpapierleihgeschäfte herausrechnet, ist die Bilanzsumme 15-mal kleiner als jene von Lehman Brothers kurz vor der Pleite. Die Eigenkapitalquote liegt bei 62 Prozent.

Investmentfonds tauchen naturgemäß überhaupt nicht in einer Unternehmensbilanz auf, Verluste gehen auf Kosten der Anleger. Und auch hier streut sich das – zugegebenermaßen riesige – Gesamtvermögen über viele Fonds mit vielen Managern und ebenso vielen Meinungen.

Sollte Blackrock pleitegehen, bekommen Anleger ihre Fonds zurückgezahlt und müssen sich eine neue Fondsgesellschaft suchen. Es bedarf schon einiger Fantasie, um hier eine Gefahr für das System herauslesen zu wollen. Und ein Blick auf 2008 zeigt nach wie vor, welche Art von Unternehmen die gefährlichsten Pleiten hingelegt hat: Investmentbanken mit ihrem ausgeprägten Eigenhandel, nicht Vermögensverwalter.

Doch die Diskussion um Systemrelevanz hat schon einen konkreten Effekt ausgelöst: Fink will jetzt erst einmal keine größeren Unternehmen mehr zukaufen. Blackrock soll zunächst aus eigener Kraft wachsen. Die Messlatte liegt bei 5 Prozent Wachstum pro Jahr. Man braucht ja schließlich Ziele.

„Kauft endlich Aktien!“

Für Blackrock-Chef Larry Fink ist es gar keine Frage, wo man heutzutage sein Geld hinpacken sollte. „Kauft Aktien – vor allem mehr hochwertige Dividendenpapiere. Und bitte nicht zu knapp: Man sollte ordentlich in Aktien investieren“, schmetterte er vor zwei Jahren der „FAZ“ entgegen. Sei es ein Fonds von seinem Unternehmen oder der von einem anderen – egal, Hauptsache, die Menschen täten überhaupt mal etwas. Wie kaum ein anderer trommelt Blackrock in den USA für Fondsanlagen als wichtige Form der Altersvorsorge.

Doch auch in Deutschland hat die Gesellschaft einige Produkte auf den Markt gebracht, mit denen sich Finks Forderung gut umsetzen lässt. Schwerpunkte sind dividendenstarke Aktien oder widerstandsfähige Mischungen aus Anleihen und Aktien. Die Tabelle zeigt jeweils zwei Exemplare. Dass sie zum Teil in ihrer noch kurzen Historie hinter den Vergleichsindizes zurückbleiben, muss nicht irritieren. Sie sind risikoarm gemanagt, und Dividendentitel entfalten häufig erst langfristig ihre Wirkung.

Von: Andreas Harms

Quelle: DAS INVESTMENT.

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